Zahlen und Ideen zum Pflegenotstand (2025)

Datum: Sonntag, 23. Februar 2025 12:20


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Deutschland wird immer älter – und damit auch immer pflegebedürftiger. 5,7 Millionen Menschen nahmen bei der letzten Erfassung am 31.12.2023 Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch. Je nach demografischer Entwicklung kommen laut dem Statistischen Bundesamt innerhalb der nächsten 20 Jahre nochmal 1,5 Millionen dazu – und damit mehr Menschen als Einwohner im Saarland oder in der Lausitz.

Bemerkenswert dabei ist, dass sich die Anzahl der Pflegebedürftigen zuletzt innerhalb von nur zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Und das sowohl deutschlandweit als auch in Brandenburg, Sachsen und der brandenburgischen Lausitz.

In den lausebande-Landkreisen Dahme-Spreewald, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße sowie in Cottbus sind die neusten Zahlen zwar noch vom 31.12.2021 und nicht aus 2023 – doch auch hier verdoppelten sich die Pflegezahlen innerhalb eines Jahrzehnts: von 20.360 (2011) auf 41.544 (2021).


Ein System auf der Kippe

Die Ursache für die wachsenden Pflegezahlen ist ganz einfach: Wir leben immer länger und müssen dementsprechend länger und intensiver gepflegt werden. Das Problem: Schon jetzt haben wir eigentlich nicht genug Pflegekräfte für eine angemessene Versorgung. Aufgrund massiver Rentenzugänge der Babyboomer-Generation spitzt sich die Situation derzeit und in den nächsten Jahren zu. Mit Bayern und Bremen könnten schon 2029 die ersten Bundesländer Kippunkte erreichen, ab denen mehr Pfleger aus dem Arbeitsmarkt austreten als Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Da die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend selbst pflegebedürftig werden, wird die Personallücke immer größer.

Unverzicht- und unsichtbar

Dabei bleiben die meisten „Pflegekräfte“ unsichtbar für Statistiker und die Öffentlichkeit. Tatsächlich werden knapp neun von zehn Pflegefällen zuhause versorgt. 3,1 von 5,7 Millionen sogar ausschließlich mit Pflegegeld, also durch: Angehörige. „Eltern pflegen Eltern“ gehört nicht nur zur Realität – die bereits erwachsenen Kinder leisten sogar den Großteil der Pflegearbeit in Deutschland. Meistens so lange, bis es nicht mehr ohne weitere Hilfe geht. Hier liegt der vielleicht wichtigste Ansatzpunkt, wie man das Pflegesystem entlasten kann: Man wird ein Teil von ihm. Laut einer Befragung vom Institut für Demoskopie Allensbach sind schon heute mehr als 50 Prozent der über 40-Jährigen bereit, sogar Nachbarn, Freunde und Bekannte bei Pflegebedürftigkeit regelmäßig im Alltag zu unterstützen.


Wie begeistert man mehr junge Menschen für Pflegeberufe? © Daisy-Daisy, istock


Rettungsversuche der Politik

Pflegebedürftige und -kräfte sowie pflegende Angehörige bilden eine gewaltige und wachsende Wählergruppe in Deutschland – kein Wunder also, dass sich das Pflegethema auf vielfältige Arten in den Wahlprogrammen der Bundestagswahl wiederfindet. Zum Zeitpunkt des Drucktermins dieser lausebande-Ausgabe standen die Wahlergebnisse noch nicht fest. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die wichtigsten Lösungsansätze:

Über alle Parteifarben hinweg soll mehr Geld in das Pflegesystem gepumpt werden – beispielsweise durch eine Zusammenlegung der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung (Die Grünen, Die Linke, Bündnis Sahra Wagenknecht). Auf der anderen Seite versprechen sich CDU und AfD große Kosteneinsparungen durch das Abbauen von Bürokratie und Verwaltungsapparaten. Gleichzeitig sollen nach Ansicht aller Parteien die Pflegeleistungen ausgebaut werden. Mal in Form einer Pflegevollversicherung (BSW, Die Linke), eines Pflege-Kostendeckels (SPD) oder deutlich höheren Ausschüttungen an häuslich Pflegende (Die Linke, BSW, AfD). Alle Parteien möchten mehr Fachkräfte gewinnen – die SPD, CDU und FDP dabei explizit aus dem Ausland.


Wahlversprechen-Übersicht von pflege.de – mehr zum Thema in der dortigen Themenwelt Pflegepolitik.

Sämtliche Parteien möchten Pflegeangebote flexibilisieren bzw. ausbauen, wobei lediglich SPD, Grüne und Linke konkrete Maßnahmen erdacht haben. Die Ideen reichen von neuen Pflege-Mischformen (SPD) über mehr Tagespflege-Angebote (Grüne, Linke) bis hin zu mehr Befugnissen für Kommunen (SPD). Über höhere Löhne für Pflegekräfte, das Ziel besserer Pflege-Personalschlüssel und das Verringern fachfremder Aufgaben wie Dokumentation herrscht über viele Parteigrenzen hinweg Einigkeit.

Ideen der Landesebenen

Voll auf mehr Nachwuchsgewinnung setzt die neu gebildete brandenburgische Landesregierung. SPD und BSW möchten eine Ausbildungsoffensive in der Pflege starten, die Gründung und Förderung neuer Berufsfachschulen prüfen und die Investitionen in bestehende erhöhen. Außerdem will das Land einen höheren Anteil an den momentanen Pflegeheim-Platzkosten übernehmen und dadurch den Eigenanteil verringern, den Pflegebedürftige tragen müssen. Im Freistaat Sachsen planen CDU und SPD ein bürokratiearmes Landespflegegesetz, darüber hinaus möchte die Regierung ein Förderprogramm für Modernisierungsmaßnahmen im Pflegebereich einführen.


Pflege geht alle an

Dass sich der Personalnotstand in der Pflege in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entspannt, halten Experten für unrealistisch, denn: Deutschland wird immer älter, auch aufgrund sinkender Geburtenzahlen – vor allen im Osten. Gleichzeitig rücken bei weitem nicht genügend Nachwuchskräfte nach, um diesen Mehrbedarf abzufedern und die aus dem Arbeitsmarkt ausscheidenden Babyboomer zu ersetzen. Jede einzelne Pflegekraft wird dadurch immer wichtiger. Der wichtigste Lösungsansatz muss daher sein, den Beruf so attraktiv wie möglich zu machen:

  • Verbesserte Vergütung fortsetzen: Finanziell ging es dank Altenpflege-Mindestlohn zuletzt schneller aufwärts als in vielen anderen Berufen – dieser beträgt ab dem 1.7. dann 20,50 Euro pro Stunde für ausgebildete Pflegefachkräfte. Außerdem liegt der gesetzliche Urlaubsanspruch in der Altenpflege bei 29 und nicht nur bei 20 Tagen. Den Trend gilt es fortzusetzen, denn die Nachfrage nach Pflege wird immer weiter ansteigen.
  • Höhere Akademisierung anstreben: Nur etwa 2 Prozent der deutschen Pflegekräfte haben einen akademischen Abschluss. Der Hauptgrund: Es fehlen Stellenangebote, die sich speziell an Pflege-Alumnis richten. Würde man das Pflegestudium und die anschließenden Berufsaussichten attraktiver gestalten, dann könnte man mehr Abiturienten gewinnen, die nach der Schulzeit erstmal studieren wollen.
  • ALLE in die Pflege einbinden – und das schon vor dem Heimplatz: Jeder kann für sich selbst überlegen, wie man sich für ältere Menschen engagieren könnte. Mit Nachbarschaftshilfe, Seniorenbesuchen, Begleitdiensten, dem Mitwirken in Begegnungsstätten oder dem Vermitteln digitaler Kompetenzen können alle einen Beitrag leisten, und dadurch professionelle Pflegekräfte entlasten.



Mit einem Seniorenbesuch, Begleitdiensten oder dem Mitwirken in Begegnungsstätten Gutes tun – diesen Beitrag kann jeder zum Abmildern des Pflegenotstandes beisteuern. © PIKSEL, istock


Exkurs: Heimplatz – aber wo?

Schon heute sorgt der Pflegenotstand regelmäßig dafür, dass man für einen Pflegeplatz erstmal auf eine Warteliste gesetzt wird. Die Wartezeiten können Monate oder auch Jahre betragen. Für Familien ist daher wichtig, das Thema Pflege schon frühzeitig und mit Voraussicht zu besprechen. Selbst wenn die Pflegebedürftigkeit noch keinen Umzug in ein Pflegeheim erfordert, kann man sich trotzdem schon einen Platz reservieren – und muss ihn dann nicht mal nutzen, wenn man an der Reihe wäre. Stattdessen kann man sich zurückstellen lassen.

Neue Projekte in der Lausitz

Ein weiterer Tipp ist, die Augen und Ohren für neue Pflegeheime offenzuhalten. Der wachsende Bedarf ist bei Betreiberfirmen längst angekommen und in der Lausitz vergeht kein Jahr ohne neue Pflegeunterkünfte. Wer sich da rechtzeitig informiert, kann vielleicht zum Erstbezug gehören. Folgende aktuellen Projekte gibt es in der lausebande-Region:

  • Seniorenhaus „Alte Brauerei“ (Start: Sommer 2025): In der Bautzener Straße 153 in Cottbus errichtet die Mirabelle Holding GmbH aktuell das Seniorenhaus „Alte Brauerei“. Nach seiner Fertigstellung wird das Gebäude Platz für 149 auf die stationäre Pflege ausgerichtete Einzelzimmer bieten. www.mirabelle-care.de 
  • „Lebensglück“ (Leipziger Str. 12 in Cottbus, Start: April 2025): Der ursprünglich für das „blaue Hochhaus“ geplante Pflegedienstleister Lioncare hat sich aus Cottbus zurückgezogen. Dennoch entstanden unter Regie von „Leonwert“ dort 58 barrierefreie Appartements im 14-Geschosser – außerdem 19 Service-Wohnungen in einem Neubau nebenan. Zurzeit läuft der Erstbezug, Wohnungsangebote gibt es auf Immowelt. Im April zieht dann ein neuer Pflegedienstleister ein. www.leonwert.de 
  • Aiutanda Lebenspark „An der Spree“ (Start: März 2025): Am Ostrower Damm finden ab März 64 Pflegebedürftige einen Platz. Die neue Einrichtung umfasst ambulante Pflegeleistungen, betreutes Wohnen, Servicewohnen und Tagespflege. Betrieben wird der Lebenspark „An der Spree“ von der Aiutanda Sachsen GmbH, einem Zusammenschluss von Pflegedienstleistern. www.aiutanda-sachsen.de